Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103,2)
Dankbarkeit durchzieht wie ein roter Faden das Beten des 103. Psalms. Die Aufforderung des Nicht-Vergessens eröffnet über die verbleibenden 20 Verse hinweg den Bilderbogen einer gleichsam mütterlich-väterlichen Zuwendung Gottes.
Das Thema: Barmherzigkeit.
Im Zentrum des Gebets: „Wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich Jahwe derer, die ihn fürchten“ (V. 13).
Der jüdische Gelehrte Hermann Cohen weist bereits im Jahr 1900 darauf hin: „Das hebräische Wort, welches gewöhnlich mit Erbarmen oder Barmherzigkeit übersetzt wird (Rachamim), stammt von der Wurzel, welche Mutterleib (Rechem) bedeutet. Die Liebe ist also zuerst Mutterliebe; gleichsam das Mutterrecht der Liebe.“ Eine beinahe zärtliche Zuwendung Gottes, vom ersten Atemzug bis zum letzten. Primäre frühe Bindungserfahrungen mit der eigenen Mutter nähren die seelische Gesundheit bis ins hohe Alter. Getröstet werden, in Krankheit begleitet sein, Geborgenheit erfahren in Angst, aber auch das Anerkennen der eigenen Endlichkeit – die Bilder laden dazu ein, eigene Erfahrungen einzutragen, die nährenden und vielleicht auch die schmerzhaften.
Der Lobgesang derer, die Gott „fürchten“ (V. 13.18), findet sein vertrauensvolles Gegenüber. „In gewissem Sinn ist ‚Ehrfurcht‘ die Antithese zu ‚Furcht‘. Ehrfurcht ist Einsicht in einen Sinn, der größer ist als wir selbst. Darum ist der Anfang der Ehrfurcht das Staunen und der Anfang der Weisheit die Ehrfurcht“ (Abraham J. Heschel). Das Ich, das lobt, betet sich immer wieder hin zu einem mütterlich-väterlichen Du und bleibt nicht heillos sich selbst ausgeliefert – Gott sei Dank!