„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6,2)
Es steht außer Frage, dass das Leben in unserer kapitalistischen Gesellschaft deutlich spürbare Schattenseiten hat. Hektik, Stress, Konsumdruck und Überreizung sind unsere täglichen Begleiter.
Gegen diese Schattenseiten unseres Lebens hat die moderne Zeit etwas wiederentdeckt, das uns von diesen Fesseln befreien soll: die Achtsamkeit.
Achtsamkeit ist ein Schlagwort und Sammelbecken für alles geworden, was uns im weitesten Sinne guttun soll: das Augenmerk auf die eigenen Bedürfnisse richten, sich selbst akzeptieren, sich selbst lieben und für sich selbst sorgen. Dabei soll dann ein entspanntes Leben in Gelassenheit und Entschleunigung entstehen.
Die moderne Achtsamkeitseuphorie mag vielleicht dem einen oder der anderen mehr Zufriedenheit und innere Ruhe schenken. Sie birgt aber auch eine ganz große Gefahr. Wenn alle nur noch auf sich selbst fixiert sind, auf eigene Befindlichkeiten und Bedürfnisse, verlieren wir einander aus den Augen. Wenn Wellness zum Selbstzweck wird, vereinzelt der Mensch. Und gerade daran krankt doch unsere Gesellschaft je länger je mehr.
Der Apostel Paulus legt sein Augenmerk genau auf das Gegenteil: Wendet euch einander zu. Tragt gegenseitig eure Lebenslasten, denn damit erfüllt ihr das Gesetz Christi.
Dieses Gesetz Christi wird uns im Neuen Testament in vielerlei Weise nahegebracht:
Da ist der Samariter, der – als Beispiel für tätige, grenzüberschreitende Nächstenliebe – dem verletzten Verbrechensopfer Hilfe leistet. (Lk 10,25–37)
Da sind diejenigen, die im Endgericht vor Gottes Angesicht deshalb bestehen können, weil sie anderen Menschen gegenüber barmherzig waren, Hungrige gespeist und Durstigen zu trinken gegeben haben, die Obdachlose aufnahmen, Nackte kleideten und sich um Kranke kümmerten. (Mt 25,31–46)
Das Gesetz Christi erfüllen zu wollen, ist zugegebenermaßen nicht immer leicht. Nächstenliebe fordert von uns Einsatz, manchmal sogar Opfer. Demgegenüber scheint eine achtsame Nabelschau doch wesentlich angenehmer. Sie ist aber nicht das, was Christus uns aufgetragen hat.
Wenn wir Christi Gesetz der Liebe erfüllen wollen, geht das nur mit Blick auf den anderen und seine Lebenslast. Christus nachfolgen heißt also: Lieben und Opfer bringen so wie er.