Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. (Psalm 145,15)
Alle Jahre wieder an Erntedank begegne ich dem Wochenspruch zwiespältig. Ich freue mich an Erntedank. An den vollen Altären. Dem Strahlen der Kinderaugen, die ihre Körbchen während des Gottesdienstes nach vorn zum Altar bringen. Sie singen ein Lied, sprechen ein Gebet und lernen, dass sie dankbar sind für die Gaben, für das Essen und dass sich Teilen lohnt. Einerseits.
Andererseits: Wie hören Menschen den Spruch, deren Teller leer ist? Die geplagt sind von der Sorge, was sie ihren Kindern und sich zum Essen geben können. Wo das Geld knapp ist von Monatsbeginn an – hier mitten unter uns. Wo die Ernte ausgefallen ist. Wo Krieg herrscht. Das Überleben grundsätzlich infrage steht und die Augen vom Hunger weit aufgerissen sind. Die auf Speise warten, weil der Hunger sie quält.
Jedes Jahr feiern wir Erntedank in der Spannung.
Vermutlich hat der Vers schon immer beide Wirklichkeiten im Blick gehabt. Denn auch in Israel hat es Ernteausfälle, Notzeiten, Hungersnöte gegeben. Da wird der Psalmvers ab und zu wie eine Vertröstung, im schlimmsten Fall wie Hohn und Spott geklungen haben.
Trotz der Spannung fasziniert mich die Hoffnung und Gewissheit, die der Vers transportiert.
Gott wird dich satt machen. Zur rechten Zeit. Auf Gott zu warten, ist die Grundhaltung christlicher Existenz. In Erwartung leben und glauben wir. Nicht ohne Grund, sondern aus Erfahrung: Gott hat mich satt gemacht. Hat den Apfelbaum mit seinen Früchten vor Sturm und Hagel bewahrt und wird es wieder tun. Er wird mich auch nach Notzeiten wieder sättigen. Darauf hoffe und vertraue ich alle Jahre wieder an Erntedank.