Misericordias Domini - 19. April 2026

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Johannes 10,11a.27–28a)

Sobald sie irgendwo auftauchen, sorgen sie für Aufsehen. Manche halten mit dem Auto am Wegrand an, um den Hirten mit seinem langen Mantel, die unzähligen Schafe und den Schäferhund, der die Herde immer wieder zusammentreibt, zu fotografieren. Es geht eine große Faszination aus von dem „guten Hirten“, der sich um seine Tiere kümmert. 

Sie erkennen seine Stimme von Weitem. Gemeinsam trotzen sie Wind und Wetter. Auch ich halte regelmäßig an, um die kleinen Lämmer zu beobachten, die da tapsig und schutzbedürftig unterwegs sind.

Bei einer Reise nach Rom kann man das Fresco des Guten Hirten in der Priscilla-Katakombe bewundern. Der fürsorgliche Mann trägt hier ein Lamm auf den Schultern. Vielleicht hat es sich verletzt oder einfach nur verlaufen. Kraft, Zuversicht und Geborgenheit gehen von der fast jugendlich wirkenden Gestalt aus. Wie hat Jesus immer wieder betont: „Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich!“ Er weiß also von den Schwächen und Ängsten der Seinen. Er macht sich Sorgen und sorgt für sie. Ihm ist bewusst, was sie brauchen. Und wenn sich ein Schaf verirrt, dann „geht er dem Verlorenen nach, bis er es gefunden hat“. Ja noch mehr, dieser gute Hirte „gibt sein Leben hin für die Schafe“ – er tut alles, auch das Äußerste.

Mitunter wünsche ich mir das: einen, der für mich sorgt, der mir den rechten Weg zeigt und mich unbeschadet durch Gefahren führt; einen, der meinen Durst nach Leben stillt und nach mir sucht, wenn ich verloren gehe. Hirte sein, Verantwortung übernehmen für andere, dabei auch an Grenzen gehen – daran sind auch heutige Leitungspersonen zu messen. Schon damals wurde das Hirtenamt auf Herrscher und politisch Führende übertragen. „Weiden“ kann auch „regieren“ meinen. Die wichtigste Aufgabe eines gerechten Herrschers – damals und heute – ist der Schutz der Schwachen. Schon in den biblischen Texten wurde jedoch gewarnt vor schlechten Hirten, die nur an ihr eigenes Wohl denken, bei Gefahr davonlaufen und das Schwache nicht stärken.

Ob Hirten von einst oder Volksvertreter von heute: Menschen, die Verantwortung übernehmen für andere – das würde für Aufsehen sorgen. Ich jedenfalls bin dankbar für Männer und Frauen, die es nicht kalt lässt, wenn andere wegen ihrer Hautfarbe angefeindet werden. Ich bin dankbar für Menschen, die sich nicht damit abfinden, wenn andere in Armut leben und sich vielleicht bei der Lädle und in der Suppemküche engagieren. Ich bin dankbar für Menschen, die sich nicht damit zufriedengeben, dass Krieg und Terror weite Teile der Welt bestimmen und sich für Frieden und Versöhnung einsetzen.

Ebenso habe ich Respekt vor denen, die im Blick auf die Zukunft unserer Erde klimabewusst leben und andere sensibilisieren. Ich bin froh, dass es in unseren Kirchengemeinden Engagierte gibt, die dem Glauben und den Gottesdiensten eine gute Zukunft geben. Denn jede übernommene Verantwortung, im Großen und im Kleinen, ist eine Gute-Hirten-Tat. Jesus stellt sich in diese Tradition und veranschaulicht dieses Bild durch sein Leben. Das Vorbild Jesu als guter Hirte ermutigt dazu, in seine Spur zu treten, Verantwortung zu übernehmen und füreinander da zu sein.