Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lukas 18,31)
Jesus ist mit seiner Schülergruppe auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem. Sie befinden sich in der Nähe von Jericho, als Jesus die Zwölf zu sich nimmt und ihnen seinen Entschluss mitteilt, nach Jerusalem hinaufzugehen. So beginnt die dritte Leidensankündigung Jesu im Lukasevangelium, an deren Ende Tod und Auferstehung stehen. (Lukas 18,32 f.)
Vielleicht bezieht sich der Evangelist mit dem Hinweis auf die Propheten auf das Lied vom Gottesknecht im Buch Jesaja. (Jesaja 52 und 53) Dabei ist es gleichgültig, ob sich Jesus selbst als leidenden Gottesknecht verstanden hat. Das ist eher fraglich. Auf jeden Fall wird deutlich, wie stark Jesus im Judentum seiner Zeit verwurzelt war. Er war Jude, er lebte im Einklang mit der kulturellen und religiösen Ordnung seines Volkes. Wenn wir Jesus anhand der uns überlieferten Evangelien auf seinen Wanderungen durch Galiläa und von dort auf dem Weg nach Jerusalem begleiten, dann sehen wir wohl, dass er diese Ordnung seines Volkes durch eigene Auslegung der Tora bereichert hat. Den Raum der Tora, den Boden des Judentums, hat er aber nicht verlassen. Der jüdische Theologe und Rabbiner Abraham Geiger hat in seiner Geschichte zum Judentum Jesu Position treffend beschrieben:. „Er war ein Jude, ein pharisäischer Jude mit galiläischer Färbung, ein Mann, der die Hoffnungen in sich erfüllt glaubte. Einen neuen Gedanken sprach er keineswegs aus, auch brach er nicht etwa die Schranken der Nationalität.“
Durch die Erzählungen in den Evangelien ist uns die Lebenswelt Jesu nicht fremd. Wenn wir in den Schriften des Alten und Neuen Testaments lesend in diese Welt eintauchen, dann erscheint uns diese Welt manchmal sogar vertraut, und wir verstehen, dass Jesus die Hoffnungen seines Volkes in sich erfüllt sah. Und daraus erklärt sich auch die Notwendigkeit des Leidensweges und die Freiwilligkeit, mit der Jesus diesen Weg gegangen ist. Die jüdische Lebenswelt Jesu und sein Weg hinauf nach Jerusalem ist Teil unseres christlichen Selbstverständnisses geworden.