22. Sonntag nach Trinitatis - 01. November 2026

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. (Psalm 130,4)

Die Aussicht auf Vergebung ist das eine, die Vergebung erhalten das andere. Das eine ist Sehnsucht, das andere Gefahr.

Wo Vergebung geschehen soll, da müsste sein: Die wirkliche Einsicht in das, was ich gedacht und getan habe. Da müsste sein: Scham. Da müsste sein: Der Wunsch, alles anders zu machen. Da müsste sein: Reue. Und wenn das alles nicht da ist? Wenn ich zwar höre: „Dir ist vergeben“, aber gar nicht weiß, ob ich es wirklich bereue?

Oder wenn ich weiß, dass ich nicht bereue? Oder wenn ich mich frage, ob ich vielleicht viel zu schnell davongekommen bin? Oder wenn ich genau das weiß?

Vergebung ist gefährlich. Denn bei dir ist die Vergebung nicht, damit wir sorglos werden und uns freuen. Sondern: Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Furcht entsteht normalerweise im Zusammenhang mit Schuld dort, wo Strafe droht. Hier entsteht sie aus der Vergebung. Weil diese wirkliche Vergebung etwas mit uns macht. Wer wirklich erlebt, dass ihm nicht heimgezahlt wird, obwohl es möglich wäre, der begegnet einer Macht, die größer ist als jede Strafe. Das, was wir kennen, wird durchbrochen. Eine Strafe, damit kann ich umgehen, wenn ich den Grund – und wenn auch nur irgendwo in mir drin – einsehe. Eine Strafe, sie reinigt: Ich werde bestraft, und dann ist vergolten, was ich zu den Akten legen kann. Dieser Mechanismus fehlt auf einmal, mir wird das Gefühl einer Katharsis genommen, weil ich diese Reinigung und Läuterung erst einmal neu und richtig verstehen muss.

Jedoch: Nicht Angst wächst daraus, sondern Ehrfurcht. Das Staunen darüber, dass Gott mich besser kennt als ich mich selbst – und trotzdem nicht von mir ablässt. Die Schuld bleibt bestehen, sie wird nicht gelöscht – und bis ich lerne, dass sie stehen bleiben kann, ohne mich umzubringen, macht mir das Angst. Denn ich kann mich nicht mehr verstecken hinter der Schuld und allen Ausreden, nicht mehr hinter den Vorwürfen, mit denen ich die Ohnmacht der Schuld betäube. Ich kann mich nicht mehr verstecken dahinter, dass die Strafe die Schuld getilgt hat.

Wenn Gott vergibt, bleibt mir nur noch, sein Trotzdem auszuhalten. Das ist schwerer als man denkt. Wenn mir das gelingt, manchmal, selten, dann wird aus Angst Ehrfurcht. Es gelingt nicht oft. Ich darf ein ganzes Leben lang daran scheitern.