Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1.Petrus 1,3)
„Ich glaube nur, was ich sehe“, sagte kürzlich eine Konfirmandin zu mir. Mit den biblischen Wundern, aber auch mit Worten wie „Auferstehung“ oder „ewiges Leben“ könne sie jedenfalls nichts anfangen. Und schon war ich in einer Art Verteidigungshaltung.
Die Liebe würde man doch auch nicht sehen – und dennoch ist sie eine starke und stärkende Kraft, so erklärte ich der 14-Jährigen. „Von der Liebe bin ich enttäuscht“, entgegnete sie und berichtete, dass ihr Freund sie kürzlich hat sitzen lassen – die Info kam über eine nüchterne WhatsApp-Message. „Und die Liebe deiner Eltern, spürst du davon nichts“, hakte ich nach. Doch auch dieser Einwand überzeugte sie in diesem Moment wenig.
„Ich glaube nur, was ich sehe“, unterstreicht der Apostel Thomas, nachdem ihm seine Freunde erzählen, dass Jesus auferstanden ist. Er will die Wunden an seinen Händen sehen und seine Finger in die Nägel-Male und in seine Seite legen – „sonst werde ich das nicht glauben“, fügt der „Ungläubige“ hinzu. Acht Tage später liefert Jesus ihm den Beweis und fordert Thomas dazu auf, seine Wunden zu berühren. Tatsächlich ist der Jünger überwältigt und ruft: „Mein Herr und Gott!“ Er ist damit der Erste, der erkennt, dass sich in Jesus Himmel und Erde berühren.
Auch heute nennt man einen Skeptiker gern „ungläubigen Thomas“ und befördert Menschen, die es genau wissen wollen, die nachhaken und nachforschen, rasch ins Abseits.
Spannend, wie Jesus mit skeptischen Fragen umgeht. Er nimmt Thomas ernst, verurteilt ihn nicht, fügt aber hinzu: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Man könnte das Wort auch mit „glückselig“ oder „reich beschenkt“ übersetzen. Schon das ist ein Hinweis darauf, dass Glaube ein Geschenk ist. Wer das Ölbild „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio kennt, weiß, dass hier Jesus selbst die Hand des Thomas zu seinen Wunden führt.
Jesus weicht dem Typus Vernunftmensch, der rational Beweise fordert, der zweifelt und skeptisch ist, nicht aus, sondern geht ihnen buchstäblich zur Hand und lässt sich anfassen. Der direkte Kontakt mit der Wirklichkeit Gottes, mit dem auferstandenen Christus, mit der Gottesdienst feiernden Gemeinde, geht Menschen unter die Haut. Und dass wir als Christen den Finger in die Wunden legen sollen, ist für mich dann auch Konsequenz aus der Kraft des Auferstehungsglaubens und ein gesellschaftlicher Auftrag.
Ich habe Thomas früher immer bemitleidet. Der „arme Ungläubige“ ist nicht dabei, als der Auferstandene seinen Freunden erscheint, dachte ich. Sein Glaube wirkt schwach und wirkungslos. Heute sehe ich auch die andere Seite. Thomas tritt selbstbewusst auf. Er lässt sich nicht abspeisen mit Erlebnissen aus zweiter Hand. Tod und Leid kann man nicht wegwischen und schönreden. Thomas will berühren, um berührt zu sein. Er will nicht über „Auferstehung“ diskutieren, sondern sie erfahren. In einer Welt mit Wunden und Narben, unschuldigen Opfern und unheilvollen Verstrickungen helfen keine Sätze wie: „Alles wird gut.“ Thomas bohrt nach, möchte die himmlische Kraft spüren und neues Vertrauen schöpfen. Und Jesus zeigt ihm, dass das möglich ist: Osterspuren in der Welt zu entdecken und selbst zu hinterlassen.