Sonntag Sexagesimä (der 60. Tag vor Ostern) - 08. Februar 2026

Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht. (Hebräer 3,15)

Der Wochenspruch aus dem Hebräerbrief zitiert eine Stelle aus Psalm 95. „Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören.“ Die so Angesprochenen sollen ihre Herzen nicht verhärten. Denn wer nicht nur seine Ohren, sondern auch sein Herz für Gottes Wort öffnet, wird selig sein. So sagt es auch der Evangelist Lukas, denn selig sind die, die das Wort Gottes hören und bewahren. (Lukas 11,28)

Gottes Wort hören? Doch wann und wo und wie können wir Gottes Wort hören? Antworten auf diese Frage geraten leicht zu unverbindlichen theologischen Redewendungen. Ein Ort, an dem sich die Möglichkeit zum Hören eröffnen kann, sind für mich die ökumenischen Bibelgesprächskreise. Diese Erzählgemeinschaften bewahren Gottes Wort, und daraus entsteht durch die vielfältigen Verstehensweisen innerhalb der Gemeinschaft etwas Neues. Das Wort wird bewahrt, Neues entsteht, und Tradition wird lebendig. In den Erzählgemeinschaften wird das Wirken der göttlichen Geistkraft erfahrbar, Gottes Wort wird in einer eigenen Weise hörbar.

Im erzählenden Erinnern an vergangene Verheißungen, aber auch im Erinnern an die Leidensgeschichten im Alten und Neuen Testament können wir Orientierung für unser Leben finden. Dabei geht es nicht um ein sentimentales Erinnern mit verklärendem Blick auf vergangene Zeiten. Ein solches Erinnern wäre für unsere Gegenwart und auch für unsere Zukunft bedeutungslos. Der christliche Glaube erschöpft sich auch nicht in der Zustimmung zu Glaubenssätzen, die im Laufe der Kirchengeschichte definiert wurden. Der Glaube lebt vielmehr von der Erinnerung an die Verheißungsgeschichten und, das darf nicht unterschlagen werden, an die Leidensgeschichten.

Das Judentum und das Christentum sind seit Beginn Erzählgemeinschaften. Das gemeinsame Erinnern kann zu einer lebendigen Hoffnung werden und dadurch lebensbestimmend in die Zukunft weisen. Im gemeinsamen Erinnern hören wir Gottes Wort, und Gottes Wort wird bewahrt, wenn wir uns an das Wort halten, an die uns überlieferten Weisungen.